Der Ballast, türkischstämmig zu sein

Seit Monaten gibt es in Deutschland kein heikleres Thema als die Resonanz der türkischen Innenpolitik bei in Deutschland lebenden Türken. Zum Schrecken vieler deutschen Bürger wurde deutlich, dass sich mehr Deutschtürken von der Demokratie abwenden, sich zunehmend gegen Deutschland stellen und eine autokratische Türkei befürworten. Es herrscht Unverständnis über die Abschottung der Türken, was wiederum ich nicht verstehe. Haben doch viele Deutsche zumindest in meinem Leben nicht wenig zur Abstoßung beigetragen..

Bevor mir einer Integrationsverweigerung vorwirft, kurz etwas zu mir: Ich bin Ende 1992 außerhalb von Hamburg geboren, habe bis zu meiner Einschulung 1999 mal hier und mal im schönen Izmir-Bornova gelebt. Meine Eltern sind definitiv nicht islamisch-konservativ, sie sind zwar Muslime, leben ihre Religion aber nicht als Lebensstil aus. Politisch sind sie jedoch jeweils anders eingestellt: Während meine Mutter sozialdemokratisch eingestellt ist, hat mein Vater in den letzten Parlamentswahlen 2015 die nationalistische MHP gewählt. Von Minderheiten hält er nicht viel, auch wenn er seit 45 Jahren als ehemaliger Gastarbeiter in Deutschland selber einer ist. In meiner gesamten Schullaufbahn bin ich stets die einzige Türkin in meiner Klasse gewesen, dementsprechend war mein Freundeskreis eher deutsch. Meine Eltern hätten dies auch nicht anders akzeptiert. Von den anderen islamisch-konservativen Deutschtürken, die mich ständig fragten, warum ich denn keine Koranschule besuche, hielten sie selber nichts. Sie verteidigten mich damit, dass ich nach meinen anderen außerschulischen Aktivitäten, wie der Aquarell-Malkurs, Geigenunterricht und Standardtanz keine Zeit dafür hätte, um nur keinen Streit anzufangen. Die Integration in die deutsche Gesellschaft war also nie ein problematisches Thema für uns. Sie passierte ganz natürlich, in dem wir täglich das taten, was wir auch im hübschen, modernen Univiertel von Izmir getan hätten: Schule, Arbeit, Aktivitäten, Ausgehen und dabei Menschen kennen lernen.

Wenn Vorurteile wichtige Entscheidungen beeinflussen

Als sich meine Eltern haben scheiden lassen, musste viel Zeit vergehen, bis meine Mutter finanzielle Unabhängigkeit erlangen konnte. In der Zwischenzeit musste sie – mussten wir – mit ihrem Ex-Mann zusammen wohnen. Die Suche nach einer neuen Wohnung ist selbst am Stadtrand von Hamburg nicht ganz einfach gewesen, letztendlich fand sie dennoch ihre Traumwohnung: Eine zentral gelegene 3-Zimmer-Wohnung mit einem separaten Essbereich, ein Aldi, ein Budni, sämtliche Ärzte, ein Kino und die U-Bahn in Gehweite. Alles war perfekt, bis der Vermieter nach dem Ausweis meiner Mutter fragte. Ein türkischer Ausweis. Staatsangehörigkeit türkisch. Meine Mutter ist kein Kind von Gastarbeitern wie viele andere Türkischstämmige, erst 1999 zog sie nach jahrelanger Fernbeziehung mit unserem Vater nach Hamburg. Was daraufhin passiert, sollte mein erster Kontakt mit systematischem Rassismus in Deutschland sein: Die Wohnung wird uns verweigert. Begründung: Es lebe bereits eine türkische Familie im Apartment, die seien ohnehin zu laut mit ihren zwanzig Gästen, die sie jeden Sonntag einluden. Eine weitere, ähnlich laute Familie würden die Anwohner nicht akzeptieren. Laut? Meine Mutter, die uns Kopfhörer kaufte, damit wir unsere Nachbarn nicht mit Musik von Linkin Park und System of a Down belästigen? Meine Mutter, die mir bis heute in der Bahn sagt, dass ich leiser reden soll, während ich im Gespräch nur versuche, die Geräusche der Umwelt zu übertönen? Meine Mutter, die ironischerweise sogar die Polizei ruft, wenn deine Hausparty zu laut ist? Das war’s. Alles auf Anfang. Weitere Monate mit dem Mann, mit dem sie schon lange nicht mehr zusammen wohnen wollte. Nur wegen einem Stück laminierter Pappe.

Aber macht mal halblang – Neukölln ist nicht Compton

Vielleicht hätte ich den Disclaimer vorweg platzieren sollen, aber besser spät als nie: Ich hasse Deutschland nicht. Ich liebe dieses Land. Ich gehöre nicht zu den intellektuell eingeschränkten Erdogan Fanboys, die wie beleidigte fünfjährige im Cinderella-Kostüm jammern und behaupten, dass Deutschland “uns” nie akzeptiert hat. Das entspricht einfach nicht der Realität. Denn, was ich im vorherigen Absatz bewusst nicht erwähnt habe ist, dass die verlorene Wohnung nicht nur meine erste Erfahrung mit systematischem Rassismus war, sondern auch – hoffentlich vorerst – meine letzte. Kein Deutscher hat mich angespuckt, “Scheiß Kanacke” gerufen oder anderweitig gesetzwidriges getan, was darin resultierte, dass ich mich nicht willkommen fühle. Damit bin ich nicht die einzige. Es hat bei weitem nicht jeder so viel Pech wie ein Süleyman Tasköprü, der im Sommer 2001 am helllichten Tage im Gemüseladen seines Vaters in Hamburg-Bahrenfeld seitens Neonazis erschossen wurde. Das ist nicht unsere Realität. Vielleicht ist aber auch genau diese Realität die Basis dafür, dass Deutschland sich zu voreilig auf die Schulter geklopft hat. Wir haben es hier nicht mit gewalttätigem oder systematischem Rassismus zu tun, sondern mit einem weitaus tiefer sitzendem Rassismus. Etwas, was sich tief in unsere Persönlichkeit einnistet und wovon auch der Türke selbst nicht weglaufen kann, weil diese Eigenschaft keine Ländergrenzen kennt: Arroganz.

Die gefährliche, sich rechtfertigende Form von Rassismus

Ich könnte schon ein kleines Booklet mit einem Best-of der dämlichen Sprüche, die ich mir aufgrund der Herkunft meiner Familie geben musste, veröffentlichen und bei den ganzen unnützen Coffee Table Books bei Urban Outfitters platzieren. Von den Standardsprüchen wie “Wieso trägst du kein Kopftuch?” bis zu kuriosen Aussagen wie “Warum bist du so blass, so weiß? Ich kann mir nicht vorstellen, dass aus einer türkischen Frau ein weißes Baby rauskommt” habe ich gefühlt schon alles gehört. Was mir aber im Laufe meines Lebens auffiel, war die steigende Häufigkeit der dämlichen – teils beleidigenden – Aussagen, je höher mein eigener Bildungsgrad wurde. Auf der Realschule, die ich für ein Jahr besucht habe, hat nur der eine Kevin (so heißt er wirklich) den bereits erwähnten Spruch über die vaginale Geburt eines “zu weißen Babys” gebracht. Sonst war alles weniger unangenehm. Auf der gymnasialen Oberstufe sah das Ganze schon anders aus: Durch die strenge Bildung von Cliquen, die meist nach den Herkünften West vs. Ost aufgeteilt waren, wurde deutlich, dass den Deutschen in meiner Klasse schlichtweg der Kontakt zu ihren türkisch-, afghanisch-, arabischstämmigen Mitmenschen gefehlt hat. Dadurch, dass die Deutschen an meiner neuen Schule meist finanziell aus besseren Familien stammten, haben sie zusätzlich in uns etwas Anderes gesehen: Wir sind nicht ansatzweise so privilegiert, islamisch geprägt ergo wir sind zurückgeblieben, sind nicht intellektuell, den westlichen Standards entsprechend nicht gutaussehend und auch – wie der Teenager ausdrücken würde – einfach uncool. Stecken hinter den Gesichtern meiner Mitschüler eine geballte Ladung Arroganz, die glaubt, durch seine Herkunft einfach etwas Besseres zu sein als ich? Ich komme nicht aus der Gesellschaftswissenschaft, ich kann die Wurzel dieser Eindrücke nicht punktgenau lokalisieren. Sind es die Medien? Liegt es daran, dass meine Generation eine Zeit vor 9/11 kaum kennt und vor allem Angst hat, was islamisch aussieht oder wirkt? Oder ist einfach alles, was sie nicht kennen, einfach automatisch komisch und merkwürdig? Wenn ja, warum zieren dann #wanderlust und #travellover eure Instagramprofile? Seid ihr wirklich weltoffen oder reicht die Toleranz nur bis zum 86. Stock des Empire State Buildings in New York City?

Neue Menschen kennen zu lernen macht mittlerweile keinen Spaß

Seit der Oberstufe habe ich einen neuen Höhepunkt der Arroganz gegenüber Türkischstämmigen erleben müssen. Bis zu meinem Studium heute wird es mir nicht besonders angenehm gemacht, neue Leute mit vermeintlich intellektuellem Background kennen zu lernen. Lernt man einen Menschen kennen, stellt man ihm normalerweise Fragen, deren Antworten eine Menge über die Person entlarven sollen. Nicht falsch verstehen, bei mir funktioniert das meistens auch ganz gut. Nur in vielen Fällen, weiß ich, was kurz darauf auf mich zukommt, wenn ich die Worte “Du siehst so exotisch aus, was für eine Landsfrau bist du eigentlich?” höre. Ich seufze. Wenn ich mich jetzt als Türkin “oute”, werden mindestens die nächsten zehn Fragen und Aussagen nicht von persönlicher Natur sein, sondern politischer, gesellschaftskritischer… rassistischer?

“ECHT? WOW, DU BIST ABER VOLL HÜBSCH!” – Soll heißen, dass türkischstämmige Frauen in der Regel nicht nett anzusehen sind.

“Du sprichst aber gut deutsch” – Ja, tatsächlich ist meine Rechtschreibung auch besser als deine.

“Darfst du das denn Trinken?” oder “Wissen deine Eltern, dass du Alkohol trinkst?”  oder “Wissen deine Eltern, dass du hier [in der Bar] bist?” – Die Bemerkung über mein Caipi, den ich mir ganz legal als 24-jährige Erwachsene trotz abartig hohem Zuckergehalt gegönnt habe.

“Aber du bist nicht SO EINE, oder?” – Verstehe den Inhalt der Frage noch immer nicht, vermute aber, dass “so eine” Frau eine islamisch-konservative mit Kopftuch ist, die um zwanzig Uhr nach Hause muss. Ergo, eine mit der der deutsche Durchschnittsstudent keinen Spaß haben kann. Wahrscheinlich erfolgt hier genau die Arroganz, von der sich der Erdogan-Anhänger angegriffen fühlt.

“Oh mein Gott, bist du also Jungfrau?” – Geht’s noch? Was würdest du tun, wenn man dir die intimste Frage binnen zehn Minuten einer Kennenlernphase stellt? Ist das respektlos oder befinden wir uns hier in einer Grauzone, weil die Frage in meinem Fall aufgrund der Existenz von “SOLCHEN” Türkinnen (s.o.) scheinbar berechtigt ist?

“Darfst du dir deinen Ehemann aussuchen?” – Wenn die Anwärter genug Kamele mitbringen, darf ich mir von denen einen aussuchen, ganz genau.

“Isst du Schweinefleisch?” – Genau genommen bin ich Vegetarierin, aber mich hat bisher keiner zu meiner Religionszugehörigkeit befra…

“Was hältst du von Kurden?” – Was hältst du von Bayern?

“Fastest du?” – Nochmal, von meiner Religionszugehörigkeit war hier noch gar nicht die Rede.

“Aber fühlst du dich mehr Deutsch oder Türkisch?” – Hach, der Klassiker. Was soll ich denn nach der Welle sich automatisch anreihenden Fragen darauf jetzt antworten? Ich würde gerne sagen, dass ich Deutsch bin, was bin ich denn sonst? Klar, auf Papier bin ich noch Türkin, die deutsche Staatsangehörigkeit ist aber bereits beantragt und von knapp fünfundzwanzig Lebensjahren habe ich mindestens achtzehn hier verbracht. Natürlich bin ich Deutsche… oder doch nicht? Dass ich anders bin wird mir doch regelrecht mal mit und mal ohne Bierfahne ins Gesicht gerufen. Kann auch mal jemand nach meiner Lieblingsband fragen? Meinem Lieblingsreiseziel? Meinem Lieblingsessen? Wie ihr das auch bei allen anderen schon macht?

Es geht aber nicht nur darum, dass ich “anders” bin. Betrachtet man die gestellten Fragen genauer, erkennt man ein Muster. Erfährt mein Gegenüber, dass ich Türkischstämmig bin, nimmt er Dinge über mich automatisch an. Ich bin religiös, meine Eltern sind verklemmt, ich bin verklemmt, bin demnach wahrscheinlich anti-feministisch und verurteile jede sexuell aktive Frau als “Schlampe”, Alkohol zu konsumieren ist ein Tabu, ich tue es, um dazuzugehören, ich bin so rassistisch, dass ich Kurden eventuell nicht mag und so blöd, dass schon applaudiert wird, dass ich die Sprache beherrsche, mit der ich Lesen und Schreiben gelernt habe. Ich bin irgendwie blöder, verklemmter, alles, was eher negativ konnotiert ist. Jeder Türkischstämmige, der die Fragen so beantwortet, wie der Deutsche sie hören will, ist für sie ausreichend integriert. Der Rest gehört scheinbar nicht dazu. Es ist ein Trick. Und genau der Türke, der bei diesem Verhör gescheitert ist und seitdem von seiner Unigruppe, deutschen Clique in der Schule anders wahrgenommen wird, stürmt heute die Straßen von Köln mit Erdogan-Anhängern und spricht von Assimilation.

Das ist aber die Spitze des Eisbergs. Manchmal kommt es gar nicht zu der Welle an Fragen. Die aller schlimmsten sind doch die, die nicht einmal diese Fragen offen stellen, dafür dann meine – unsere – Beantwortung der Fragen selbstständig visualisieren. Und sie visualisieren sie oftmals falsch und die Visualisierung der nachfolgenden Erklärung meiner – unserer – Antworten fällt vollständig aus. Nicht selten ist es vorgekommen, dass ich Menschen erst zum Ende des Studiums, Ende der Schulzeit, o.ä. kennen gelernt habe, weil sie mich zu früh in eine Schublade gesteckt haben. Weil Menschen zum eigenen Schutz Schubladendenken betreiben.

“You can pay for school, but you can’t buy class” – Shawn Carter aka Jay-Z

Erschreckender ist doch hierbei, dass das Schubladendenken von denen betrieben wird, die zu der Elite des Landes gehören (wollen). Bitte sagt mir, dass mich meine Erfahrungen täuschen, müsste ich aber numerisch ein Fazit ziehen, sieht es relativ schlecht für unsere Bildungselite aus. Müsste ich meine eigenen oberflächlichen Vermutungen anstellen, dann könnte es daran liegen, dass ein Teil meiner Kommilitonen zu den privilegierten Kellerkindern gehören, die ich auch in der Oberstufe kennen gelernt habe und der Rassismus ähnliche Wurzeln hat. Nur die Hälfte würde ich als wirklich Intellektuell einstufen. Was ist, wenn diese Menschen eines Tages unsere Arbeitgeber sind oder, Gott bewahre, in die Politik gehen? Ist das schon längst der Fall, weswegen Türkischstämmige den erschwerten Bewerbungsprozess für bestimmte Jobs beklagen? Müssen wir unsere Bildungspolitik ändern? Sollten nur die Abitur machen dürfen, die auch eine gewisse Portion emotionale Intelligenz mitbringen und nicht nur schnell Vokabeln lernen können? Wenn ja, woran wollen wir emotionale Intelligenz und Empathie messen? Mein Klassenlehrer im Abitur sagte schon mal zu meinem ehemaligen Mitschüler, dass man ihm eigentlich das Recht auf seinen Platz in der Oberstufe entziehen sollte, weil er den Inhalt sämtlicher Videos über Illuminaten auf YouTube für wahr hielt. Offenbar hat auch er Zweifel.

Nochmal: Ich liebe Deutschland. Aber wir haben noch viel vor uns. Dass die Türkischstämmigen selber noch viel tun müssen, ist ein ganz anderer Blogeintrag, das weiß ich. Lange Zeit konnte ich mich mit ihnen sogar noch weniger identifizieren. Der Türke ist aber dennoch nicht komisch und merkwürdig. Man hat sich bisher nur falsch und verzerrt mit ihm auseinandergesetzt als mit anderen Nationalitäten. Lasst uns diesen Fehler nicht bei unseren neuen Nachbarn aus Syrien machen. Guckt mal, ich schreibe einen Blogeintrag. Ist das nicht voll deutsch und mega Hipster-Deutscher-Student?

***Erwähnungen spiegeln die Erfahrungen einer Studentin aus Hamburg wider und repräsentieren vermutlich nicht alle Geschichten von türkischstämmigen Deutschen. Daher: Dialog notwendig.

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